Nach dem Sturm: Die Post-Krisen-Phase
Der Sturm hat sich gelegt. Die Telefone klingeln wieder leiser, der Adrenalinspiegel sinkt, und der „War Room“ wird wieder zum normalen Konferenzraum. Das Schlimmste scheint überstanden. Die natürliche Reaktion der meisten Menschen und Organisationen ist jetzt: „Puh, geschafft! Zurück zur Normalität.“
Doch genau hier lauert die letzte große Gefahr einer Krise: Die Chance zu verpassen, die sie bietet.
Wenn Sie jetzt einfach zur Tagesordnung übergehen, haben Sie zwar überlebt, aber Sie haben nichts gewonnen. Schlimmer noch: Sie sind wahrscheinlich genauso anfällig für den nächsten Sturm wie zuvor. Die eigentliche Arbeit – die Transformation vom „Überlebenden“ zum „Gestalter“ – beginnt erst jetzt.
In diesem abschließenden Artikel unserer Serie schauen wir uns an, wie Sie die Post-Krisen-Phase nutzen, um nicht nur alte Wunden zu lecken, sondern gestärkt und zukunftsfest neu durchzustarten.
Die Gefahr der „Rückkehr zur Normalität“
Warum ist es so verlockend, alles schnell zu vergessen? Weil Krisen wehtun. Sie sind anstrengend, emotional belastend und chaotisch. Unser Gehirn sehnt sich nach Sicherheit und Routine. Wir wollen das Kapitel schließen.
Aber eine Krise ist wie ein Scheinwerfer in einem dunklen Raum. Sie hat gnadenlos beleuchtet, was in Ihrem Unternehmen nicht funktioniert hat:
- Die Entscheidungsprozesse, die zu langsam waren.
- Die Kommunikationswege, die verstopft waren.
- Die Geschäftsmodelle, die nicht flexibel genug waren.
Wenn Sie diesen Scheinwerfer jetzt einfach ausschalten, tappen Sie beim nächsten Mal wieder im Dunkeln. Ein Coach hilft Ihnen in dieser Phase, das Licht noch einen Moment länger anzulassen – nicht um zu blenden, sondern um genau hinzusehen.
Die „LL“-Session: Ehrlichkeit ohne Schuldzuweisungen
Der erste Schritt in die Zukunft ist ein ehrlicher Blick zurück. Viele Unternehmen führen sogenannte „Post-Mortem“-Analysen durch. Das klingt schon nach Leichenschau und fühlt sich oft auch so an: Es wird gesucht, wer den Fehler gemacht hat. Das Ergebnis? Verteidigungshaltung und Schweigen.
Ein professioneller Coach moderiert diesen Prozess anders. Er schafft einen Raum, in dem es nicht um „Wer ist schuld?“, sondern um „Was können wir lernen?“ geht.
Wie eine moderierte Rückschau funktioniert
Stellen Sie sich ein Meeting vor, in dem nicht der Chef vorne steht und Manöverkritik übt, sondern das Team gemeinsam an einer großen Wand arbeitet. Der Coach stellt systemische Fragen:
- Was hat uns überrascht? (Wo waren unsere blinden Flecken?)
- Was hat uns gerettet? (Welche Stärken haben wir neu entdeckt?)
- Wo haben wir uns selbst im Weg gestanden? (Welche alten Regeln haben nicht mehr funktioniert?)
Ein Beispiel:
Ein mittelständischer Logistiker hatte in der Krise massive Probleme, weil die IT-Systeme nicht für Homeoffice ausgelegt waren. In der „Lessons Learned“-Session kam heraus: Es lag nicht an der IT-Abteilung, sondern an einer veralteten Sicherheitsrichtlinie, die der Vorstand vor Jahren unterschrieben hatte und die nie hinterfragt wurde. Statt den IT-Leiter zu rügen, wurde der Prozess zur Überarbeitung von Richtlinien geändert. Das ist Lernen statt Beschuldigen.
Praxistipp: Der „Post-Krisen-Aktionsplan“
Um all diese Gedanken greifbar zu machen, nutzen Coaches oft eine sehr simple, aber mächtige Methode. Setzen Sie sich mit Ihrem Team zusammen und füllen Sie diese drei Spalten aus (am besten auf einem großen Whiteboard):
| KEEP (Behalten) | STOP (Aufhören) | START (Neu beginnen) |
| Was haben wir in der Krise getan, das so gut war, dass wir es unbedingt weitermachen wollen? | Was haben wir vor der Krise getan, das sich als nutzlos oder hinderlich erwiesen hat? | Welche neuen Ideen oder Fähigkeiten haben wir entdeckt, die wir jetzt professionell aufbauen wollen? |
| Beispiel: Schnellere Entscheidungswege | Beispiel: Diskussionen ohne Führung | Beispiel: Bessere Entscheider-Struktur |
Hängen Sie das Ergebnis gut sichtbar auf. Es ist Ihr Kompass für die nächsten Monate.
Eine neue Vision: Wofür stehen wir eigentlich?
Krisen sind oft Sinn-Krisen. Mitarbeiter fragen sich: „Warum mache ich das hier eigentlich? Ist mein Job sicher? Ist das Unternehmen relevant?“
Nach der Stabilisierung ist der perfekte Zeitpunkt, um das „Warum“ neu zu definieren. Die alte Vision passt vielleicht nicht mehr in die neue Realität. Ein Coach begleitet die Führungsebene und das Team dabei, eine neue, tragfähige Vision zu entwickeln.
Es geht nicht mehr nur um „Umsatzsteigerung um 5%“. Es geht um Resilienz, um Anpassungsfähigkeit und um einen echten Beitrag.
Ein Beispiel:
Ein Eventveranstalter stand in der Pandemie vor dem Aus. Nach der Krise definierte er sich nicht mehr als „Wir vermieten Hallen und Technik“, sondern als „Wir schaffen Begegnungen – egal ob physisch, hybrid oder digital“. Diese kleine Änderung im Selbstverständnis öffnete völlig neue Geschäftsfelder.
Die Krise wird so zum Katalysator für Innovation. Sie zwingt uns, das Alte loszulassen, an dem wir aus Bequemlichkeit festgehalten haben.
Fazit: Das Ende ist der Anfang
Wir sind am Ende unserer achtteiligen Reise durch das Krisenmanagement angekommen. Wir haben gesehen, wie man Krisen frühzeitig erkennt (Artikel 1), wie man den ersten Schock überwindet (Artikel 2) und wie wichtig starke Führungskräfte (Artikel 3) und Teams (Artikel 4) sind. Wir haben über Kommunikation gesprochen (Artikel 5), über Resilienz (Artikel 6) und die Werkzeuge der Profis (Artikel 7). All das mündet in diesem letzten Punkt: Die Krise als Chance.
Es ist ein oft zitierter Satz, aber er ist wahr: Nutzen Sie die Krise. Die Unternehmen, die heute gut darstehen, sind oft jene, die in schwierigen Zeiten nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern sich neu erfunden haben.
Coaching ist dabei kein Zauberstab, der Probleme wegwischt. Aber es ist das Geländer, an dem Sie sich festhalten können, wenn der Boden wackelt. Es ist der Spiegel, der Ihnen hilft, die Wahrheit zu sehen. Und es ist der Motor, der Sie antreibt, wenn Sie müde sind.
Ob Sie gerade mitten im Sturm stehen, ihn kommen sehen oder ihn gerade hinter sich haben: Holen Sie sich Unterstützung. Investieren Sie in Ihre Führungskräfte, Ihre Teams und Ihre Kultur. Denn die nächste Veränderung kommt bestimmt – und dann werden Sie bereit sein.
Vielen Dank, dass Sie diese Serie begleitet haben. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Unternehmen Weitsicht, Mut und eine erfolgreiche Zukunft.

